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Altenburg Tourismus

Sigrid Richter kann ... von beidem erzählen: von den aufregenden Zeiten der Reformation und von den Enttäuschungen der jüngeren Vergangenheit. Und wenn sie erzählt und dabei immer wieder begeistert gestikuliert, beginnt das touristische Kleinod in dem Dreiländereck zwischen Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen wieder zu leuchten. Bei einem Spaziergang, ... lernt man Spalatin kennen und verliebt sich Meter für Meter in eine melancholisch gestimmte Stadt.

Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 02. November 2016

 

Nicht nur mit seinen Thesen sorgte der Reformator für Aufregung: Auch in Altenburg, einem städtebaulichen Juwel in Thüringen, provozierte er. Ein Besuch.

Von Franziska Brüning

Fast sieht es aus wie in Italien nach der Urlaubszeit. Die warmen Strahlen der goldenen Herbstsonne fallen auf einen lang gezogenen, leicht ansteigenden Platz. Ein bisschen Renaissance hier, eine Eisdiele dort. Ein paar Leute flanieren an diesem Sonntagvormittag durch die Stadt. Aber es ist nicht etwa Siena in der Toskana, sondern Altenburg, eine charmante ehemalige Residenzstadt, die auf dem mehr als 1000 Kilometer langen Lutherweg liegt, der durch Thüringen führt. Ein Tipp für Menschen, die der Hektik des Alltags entfliehen und sich anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 auf kulturhistorische Spurensuche begeben wollen.

Allerdings ist die Verbindung zu Martin Luther nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Wer mehr darüber wissen möchte, sollte mit Sigrid Richter durch die Straßen spazieren. Die resolute ältere Gästeführerin weiß alles über Luthers Beziehung zur Stadt, über sein Leben und seine Gewohnheiten, von lustigen Begebenheiten bis zu unappetitlichen Details zu seiner Verdauung. Da Luthers Latrine als Ort reformatorischer Erkenntnis aber sogar auf der offiziellen Homepage der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum Reformationsjubiläum zu finden ist, scheint auch dieser Aspekt tatsächlich zum Verständnis seiner Person zu gehören.

 

Am Beispiel Altenburgs kann Richter den zunächst befremdlichen Zusammenhang erklären: Da Luther wohl auch wegen seines schlechten Gesundheitszustandes oftmals übel gelaunt und aufbrausend gewesen sein soll, benötigte er dringend einen diplomatischeren Verbündeten, um seine Ideen durchzusetzen. Diesen fand er in Georg Spalatin, einem befreundeten Theologen, der nach Altenburg gesandt wurde, um dort die Reformation immer wieder geschickt vermittelnd voranzutreiben. Luthers oft provozierendes Auftreten und Spalatins Diplomatie sind bis heute untrennbar mit der Stadtgeschichte verbunden.

Trotzdem kennt Spalatin heute kaum noch jemand, und Altenburg ist wohl nur noch begeisterten Kartenspielern ein Begriff, weil hier 1820 das Skatspiel erfunden wurde. Doch wie konnte eine so schöne Stadt in Vergessenheit geraten? Wer das verstehen will, muss sich zunächst einmal mit der Gegenwart beschäftigen, denn hinter den italienisch anmutenden Häusern verbergen sich viele enttäuschte Hoffnungen. Zahlreiche Geschäfte stehen leer, und viele Klingelschilder tragen keine Namen. Die Glanzzeiten, die Altenburg einmal erlebt hat, sind lange vorbei. Bis um 1900 war hier noch ein weltbekanntes Zentrum der Hutmacher-Industrie, zu DDR-Zeiten wurden hier Nähmaschinen hergestellt. Heute sieht es mit Arbeitsplätzen mau aus, die Bevölkerungszahl ist von rund 50 000 zur Wendezeit auf gut 30 000 geschrumpft. Den Bezug zur Kirche haben die meisten in der DDR verloren.

Richter kann in einem Atemzug von beidem erzählen: von den aufregenden Zeiten der Reformation und von den Enttäuschungen der jüngeren Vergangenheit. Und wenn sie erzählt und dabei immer wieder begeistert gestikuliert, beginnt das touristische Kleinod in dem Dreiländereck zwischen Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen wieder zu leuchten. Bei einem Spaziergang, der auf und ab durch historische Gassen und Straßen geht, lernt man Spalatin kennen und verliebt sich Meter für Meter in eine melancholisch gestimmte Stadt.

Los geht es mit Sigrid Richter vor dem Renaissance-Rathaus am Kornmarkt, das mit seinem reichen Bauschmuck, den Portalen und einer Monduhr zu den schönsten in Deutschland zählt. Im Vorgängerbau des Renaissancehauses, erzählt Richter, ließ Spalatin einst ein Bordell schließen, womit er sich wohl bei den Altenburgern erst einmal nicht beliebt machte. Spalatin gründete aber auch eine Mädchenschule, ließ Lehrer ordentlich bezahlen und veränderte nach und nach das tägliche Leben im Sinne der Reformation. So wurden Klöster aufgelöst, Hospitäler und die Armenversorgung neu organisiert und die Kirchen strengen Qualitätskontrollen unterzogen. Auf diese Weise wurde Spalatin zu dem für den Protestantismus so ungeheuer wichtigen "Steuermann der Reformation".

Vom Rathaus aus sieht man ihn heute noch an der Portalseite der 1905 erbauten, quadratischen Brüderkirche, einer in rotem Backstein gehaltenen Mischung aus Neugotik und Jugendstil-Elementen. An seiner Seite sind auch die Reformatoren Martin Luther und Wenzeslaus Linck bildlich dargestellt. Luther und Linck sorgten 1523 für einen Skandal in Altenburg, als Luther den katholischen Geistlichen Linck in dessen ihm anvertrauten Kirche St. Bartholomäi mit einer Altenburgerin vermählte. Richter kann sich noch heute herzlich über Luthers Chuzpe freuen. So wird die St.- Bartholomäi-Kirche zu einer weiteren kurzweiligen Station auf dem Lutherweg.

Aber nicht nur deswegen: Unter dem Titel "Freiheit und Glauben" ist im Kirchenschiff eine Dauerausstellung eingerichtet, die auf intelligente und trotzdem leicht zugängliche Weise die Geschichte der Reformation in Altenburg mit protestantischen Glaubensinhalten und der politischen Bedeutung der evangelischen Kirche in der DDR und Wendezeit verbindet. Mit wenigen Mitteln gelingt dort etwas, was in vielen Museen allzu oft großer Informationsfülle geopfert wird: Mit klugen Fragen werden Brücken zur Gegenwart der Ausstellungsbesucher geschlagen, etwa zum Umgang mit Flüchtlingen. So kann es bei einer Wanderung auf dem Lutherweg passieren, dass der Besuch einer kleinen Kirche Argumente liefert für gesellschaftliche Debatten, die heute wieder von der Angst vor dem Fremden und Unbekannten bestimmt werden.

Nach der St. Bartholomäikirche geht es weiter zum ehemaligen Augustinerkloster "Rote Spitzen", das einst von Friedrich I. Barbarossa im 12. Jahrhundert gestiftet und zwischen 1525 bis 1543 von Georg Spalatin nach zähen Verhandlungen wieder aufgelöst wurde. Die Stadt Altenburg kaufte die Anlage später und nutzte das Gebäude als Gefängnis, Lager und Waisenhaus. Heute sind nur noch die Backsteintürme "Rote Spitzen" davon übrig, die weithin sichtbar als Wahrzeichen Altenburgs aus der Stadtsilhouette herausragen.

Auf den letzten Metern der Stadtführung zum Residenzschloss geht es noch mal richtig bergan. Lohn dafür ist die Aussicht auf die Stifts- und Schlosskirche St. Georg, in der eine Orgel des Thüringer Orgelbauers Tobias Heinrich Gottfried Trost zu finden ist. Ein Konzert gibt es an diesem Tag leider nicht, dafür aber noch eine große Spalatin-Ausstellung im Schloss, die bis zum 26. November 2017 zu sehen ist. Wer sich für Spalatins Leben und Wirken von der Geburt bei Nürnberg bis zu seinem Tod in Altenburg interessiert, sollte viel Zeit mitbringen. Und wer die Stadt nur einfach mal genießen will, setzt sich auf dem Kornmarkt in den Altenburger Ratskeller und lässt bei einem hiesigen Bier den Tag ausklingen.

 

Informationen: altenburg-tourismus.de

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